Code of Theater
Labor für plastisches Denken

                                      06 Rückkopplung


Dass Ursache und Wirkung in umgekehrter zeitlicher Abfolge stattfinden können, haben wir schon betrachtet, aber dass es auch Rückkopplungseffekte gibt, bei welchen die Wirkung auf die Ursache zurückwirkt und dadurch ein geschlossenes selbstbezogenes System entsteht, will ich jetzt beschreiben.

Man nennt diesen Effekt auch "Feedback" oder "Feedbackschleife". Wir kennen das aus technischen Bereichen, zum Beispiel bei einem Mikrofon und einem angeschlossenen Lautsprecher, der sich in der Nähe befindet. Wenn man das Mikrofon weiter aufdreht, gibt es irgendwann einen pfeifenden und für unsere Ohren sehr unangenehmen Ton. Dieser Ton wurde aber nicht durch das Mikrofon, also den Eingang gesendet, sondern entsteht durch die Rückkopplung des Signals im Lautsprecher.

Oder ein anders Beispiel aus der Natur: Raubtiere erlegen Beutetiere, so dass deren Zahl abnimmt, bis nicht mehr genug Beutetiere für alle Raubtiere da sind und die Population der Raubtiere zurückgeht. Das führt dann zur vermehrten Population der Beutetiere, weil die Bedrohung kleiner geworden ist. Diese Wechselbeziehung zwischen Ursache und Wirkung, welche auf die Ursache zurückwirkt und dadurch selbst zur Ursache erneuter Wirkung wird, zirkuliert.


Wir können auch selbstbezogene Systeme in sozialen Beziehungen modellieren: Eine Mutter schreit ständig ihr Kind an, weil es andauernd schreit. Das Kind schreit andauernd, weil es von seiner Mutter ständig angeschrien wird.

Grundsätzlich könnte man sagen, dass Systeme miteinander in Wechselbeziehung stehen können, wobei sich Rückkopplungseffekte einstellen, bis es unmöglich wird, die Ursache von der Wirkung zu unterscheiden.



Jeder Dialog auf der Bühne besteht aus Rede und Gegenrede. Dabei ist es egal, wer ihn begonnen hat.

Der Diskurs oder Meinungsaustausch, auch der Streit sind zirkulierende Kommunikationsformen. Nicht einmal der Sprechanteil ist dabei von Bedeutung, wie wir im Theater ja immerzu erfahren. Wir gehen zwar nicht hin, um uns zu äußern, haben es aber durch unsere Anwesenheit, die Beobachtung des Geschehens und unser Verhalten während der Beobachtung trotzdem getan. Die psychologische Veränderung der Situation der Künstler durch die Anwesenheit des Publikums und der Interpretationszwang des Publikums, welches ebenfalls unter Beobachtung steht (durch Bühne und andere Zuschauer im Raum), führen auch hier in die Zirkulation durch ständige Rückkopplungseffekte zwischen beiden Seiten.

Nur unter ökonomischen Gesichtspunkten könnte man noch von der klaren Rollenverteilung sprechen, der Trennung von Produzenten und Konsumenten.

Ganz allgemein führen Ursache - Wirkungs - Kreisläufe zu Selbstorganisationsphänomenen. In dem Moment, wenn der Zuschauer sich seines Einflusses auf das Gesehene bewusst wird, emanzipiert er sich von der "Fremdorganisation" und kann in eine kritische Distanz übergehen.



Weiter